Von vielen damals bewundert, dann belächelt und heute wieder gesuchtes Youngtimerfahrzeug. Der 1980er VW Golf I GTI (Typ 17) ist der zweite Teil unseres Doublefeatures mit dem BMW 2002 turbo. Beide sind ursprüngliche Kinder der wilden 70er Jahre und bei so manch einem Ampelduell aufeinander gestoßen. Das von uns hier gefahrene Modell ist ein ganz besonderes, sprich er hat ein paar nette Verbesserungen gegenüber dem Serien GTI erfahren. Der GTI stammt aus der VW internen Baureihe Type 17, also dem Golf. Gebaut zwischen den Jahren 1974 und 1983 läutete er eine Revolution beim Wolfsburger Automobilhersteller ein, der Anfang der 70er Jahre in einer handfesten Absatzkrise steckte. Der Golf legte den Grundstein für die Herausbildung der Kompaktklasse, die dank dem Golf, auch heutzutage Golfklasse genannt wird. Er markierte einen neuen Abschnitt in der Entwicklung des Automobils. War der Schritt vom VW Käfer zum VW Golf so riesig, wie er im späteren Verlauf der Automobilgeschichte nicht wieder zu finden sein wird. Mit über 6 Millionen VW Golf ist er das erfolgreichste Modell der Wolfsburger Autobauer - bis heute.

Weitere Modellvarianten war das bei Karmann hergestellte Golf Cabrio und der VW Caddy.  Als Motoren standen ausschließlich Vierzylindertriebwerke von 1,1 L bis 1,8L (Benzin) und 1,5 - 1,6 L (Diesel) Hubraum zur Verfügung. Die Krone des ganzen markierte der 1976 vorgestellte Golf GTI. Mit seinem aus dem Audi 80 GTE entliehenen 1,6L Motor bot er 110 PS Leistung und ging damit ab wie Schmitts Katze. Wer schnell beschleunigt, will ja auch gerne schnell wieder zum Stehen kommen. Daher hatte VW vorne innenbelüftete Scheibenbremsen und einen zusätzlichen Ölkühler implementiert. Zur Verbesserung des Fahrverhalten verbaute man vorne einen Stabilisator, während die Hinterachse einen lastabhängigen Bremskraftregler spendiert bekam, so war die Brems-WG im GTI schon mal gut besetzt. Weil aber noch ein Platz in der WG frei war, bekam der GTI von Haus aus gleich einen Bremskraftverstärker mit dazu.

 

Für die sportliche Note im Innenraum sorgt ein neu gestaltetes 3-Speichen Sportlenkrad mit integriertem Spucknapf für den damals vielleicht noch überforderten GTI Piloten - nein, Scherz beiseite - der tiefe Pralltopf mit Hupenbetätigung bekam irgendwann die Bezeichnung "Sprucknapf". Ein schönes Detail ist der als Golfball gestaltete Schaltknauf. Von außen gab es mattschwarze Kotflügelverbreiterungen  aus Kunststoff und einen fetten mattschwarzen Frontspoiler, die dem GTI super standen. Reifen in der Größe 175/70 HR 13", ein rot eingerahmter Kühlergrill mit den bis heute prägenden Buchstaben GTI, sowie eine mit schwarzer Klebefolie eingefasster Heckscheibe, prägten das Erscheinungsbild des Ur-GTI und damals stärksten Golf Modells. Er war der Sportwagen des kleinen Mannes und wurde schnell zu einem Verkaufsschlager - das Konzept der Kompaktsportwagen mit adäquat großer Leistung hat sich bis heute durchgesetzt. Im GTI werkelte ein leistungsstarker 1,6 L Motor, der mit einer seinerzeit modernen Bosch K-Jetronic, immerhin 110 PS dem ambitionierten Fahrer zur Verfügung stellte. Die nur 810 kg Leergewicht ließen sich damit äußerst sportlich bewegen, was kein damaliger kleiner Sportwagen nur annähernd erreichen konnte. In nur 9,2 Sekunden wurde die 100 km/h Hürde genommen, bei 182 km/h war dann vorerst mal Schluss.

1982 wurde der 1,6L Motor im Rahmen der Modellpflege durch einen 112 PS starken 1,8 L Motor ersetzt. Für 13.850 DM wechselte der erste Golf GTI den Besitzer, während die letzten Modelle von 1983 mit dem 1,8 L Triebwerk schon mit stolzen 20.465 DM zu Buche schlugen. Ende 1983 kürte das Sondermodell "Pirelli" für 22.800 DM die Krone der VW Golf I GTI Baureihe. Damit man die damalig häufig weibliche Kundschaft nicht verschrecken wollte, gab man also folgende Pressemitteilung heraus: "Auch zum Einkaufen in Schrittgeschwindigkeit ruckfrei zu fahren." - Hey der Satz stammt nicht von mir, sondern von VW - aber amüsiert hat es mich trotzdem. Generell war der GTI recht zahm zu fahren und stellte mit beiden Motorvarianten 1,6L und 1,8L eine solide Basis dar, wobei die  1,6L Variante mit 110 PS aufgrund des höheren Drehzahlniveaus etwas anfälliger war, da hier die Ventilschaftdichtungen eher zum Verschleiß neigen. Öl macht sich dann langsam im Brennraum breit und macht sich von außen durch Öl-Rauchwolken bemerkbar. Die Modellpflege brachte außerdem breite Rückleuchte mit sich, wie sie auch beim von uns gefahren Modell von Besitzer Michael König aus Bielefeld, zu sehen sind.

Michael hat den Golf GTI im Januar 1983 erworben. Der Tuner Misczyk hatte zu diesem Zeitpunkt schon seine wohlwollende Hand am 1,6 L Triebwerk angelegt - Nockenwelle, Ansaugtrakt, sowie Ventile, Krümmer und Abgasanlage von Schrick mobilisierten weitere knapp 40 mehr-PS im Einser GTI. Die Karosse kam durch den Einsatz von Nothelle Federn und einem Koni Fahrwerk um 50 mm dem Asphalt deutlich näher. Eine 15mm dicke Querstrebe vorne und hinten tragen deutlich zur Verwindungssteifigkeit bei. Irgendwie wollen die knapp 150 PS Leistung ja nun auch eine Ehe mit dem Straßenbelag eingehen, das sollen sie ja auch - aber bitte breit und mit Stil. Fette 185/60/R13er Schlappen auf schicken, schwarzen ATS Leichtmetallfelgen im Format 7Jx13" H2 lassen den GTI fett und bullig daherkommen. Der nun bullige und äußerst stimmige Gesamteindruck wird vom absolut geilen Ansaug- und Auspuffsound des Dr. Schricks untermalt. Den Motor ziert ein äußerst seltener und heute fast gar nicht mehr zu bekommener Schrick Ventildeckel. Ab etwa über 3.000 Touren brüllt einen der von Dr. Schrick und Misczyk verarztete kleiner Wolfsburger Golf derart an, dass sich Gänsehaut in Format von ausgeprägten Eiterpickeln auf den Unterarmen bilden. Geile Nummer denkt man sich dabei, wenn man an die heute aufgeblasenen GTIs der 7. Generation denkt, wo es nur noch brummt und zischt.

Dazu kommt ja noch, dass der alte auch nur halb so schwer ist, wie sein aktueller Namensvetter.  Das Fahrverhalten ist straff, bretthart und sehr direkt - eben genauso wie es sich für einen kleinen Sportwagen gehört. Die kleine Hatz durch die Ostwestfälische Hügellandschaft macht in jedem Fall einen Heidenspaß. Auch der kleine, natürlich vollkommen legale, Ampel- und Zwischensprint mit dem BMW 2002 turbo lässt die Erinnerungen an die Zeit automobilen Spaßes wieder äußerst präsent werden. Innen ist der Spucknapf einem 4-Speichen GTI Lenkrad gewichen - der Golfball ist natürlich geblieben. Damit man nicht die ganze hin und her rutscht, klemmen zwei schicke, sehr funktionale Sportsitze, den Fahrer und seinen potenziellen Beifahrer schön fest zwischen die beiden Sitzwangen. Ein cooles Detail ist übrigens die Mehrfach-Musikkassettenaufbewahrungsbox in der Mittelkonsole. Na ertappt? Ja, sowas hatten wir damals auch im Auto. Heute gibt es MP3 Player mit einer ganzen Wagenladung Musikkassetten drauf. Es gab einer Zeit, so sagte Michael König, da haben mich Leute gefragt, ob ich den GTI immer noch habe und quasi die Nase gerümpft - aber jetzt, jetzt hat sich das grundlegend geändert. Es sind eben Autos unserer Kindheit und Jugend, mit denen man etwas verbindet. Die Befürchtung, dass diese Art von Autos aussterben könnte ist also nicht ganz unberechtigt, wie Michael zu Recht bemerkte. Darum freuen wir uns über jedes noch fahrende und nach Möglichkeit unverbastelte Exemplar.

Wenn schon verändert, dann bitte nach Gruppe H Reglement, denn hier sind sie noch anzufinden - die Helden unserer Jugend. Der Golf GTI ist bei Rallyes, Slaloms und Bergrennen immer noch eine feste Größe und wird dort mit Ausbaustufen von bis zu 300 PS und sequentiellen Getrieben gefahren. Wir danken Michael König für den tollen Tag mit seinem VW Golf I GTI.

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